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Eine kleine Geschichte, die mir in Anbetracht meines Zustandes und anderer Gegebenheiten durch den Kopf geschossen ist.

„Versuch es doch wenigstens!“ Genervt schaute ich in sein Gesicht. Ich war verzweifelt, weil es einfach nicht in seinen Kopf reinging, dass er nichts verlieren konnte, wenn er es wenigstens probieren würde. Aber er wollte nicht. Er hatte es geschafft, es sich selbst einzureden, dass er nicht gut genug dafür war. Dabei war er der Beste, den ich kannte.

„Jetzt hast du schon ein Bewerbungsgespräch und du willst nicht hin. Ich versteh dich einfach nicht. Mehr als Nein sagen kann er nicht und wenn du es nicht probierst, dann kriegst du die Stelle sowieso nicht.“

Am liebsten hätte ich ihn gepackt und ihn kräftig durchgeschüttelt, aber es hätte auch nicht viel gebracht. Außerdem hätte ich wohl Angst gehabt, ihn unter meinem Griff zu zerbrechen.
Ich hörte ihn seufzen. Er wusste, dass ich Recht hatte, aber er hatte Angst eine Absage zu bekommen, wie schon so oft davor. Ich konnte es ja nachvollziehen, ich hatte ja selbst schon so oft Absagen bekommen, aber er war gut, er war einfach nur hoffnungslos schüchtern bei Bewerbungsgesprächen.

Er hatte vor zwei Monaten seinen Abschluss in Linguistik gemacht und suchte nun eine Stelle als Übersetzter oder Lektor. Eigentlich etwas, von dem man ausgehen sollte, dass es sehr gefragt war, wer studierte denn in der heutigen Zeit schon noch Sprachwissenschaften? Zumindest dachte sich das wohl der Großteil der Bevölkerung, aber es war ein Vorurteil zu denken, dass es ein aussterbender Studiengang war. Bücher wurden immer noch liebend gerne gelesen und die meisten Verlage suchten gute Lektoren und noch bessere Übersetzter. Er war beides, nur konnte er das nicht rüberbringen.

Zu Vorstellungsgesprächen wurde er auch reihenweise eingeladen, aber dann schien es immer schief zu gehen. Ich wusste nicht woran es lag, ich wusste, dass er auch unter Druck arbeiten konnte, aber ich wusste, leider, auch, dass er sehr schüchtern war und sich kleiner machte, als er musste.
Jetzt hatte er nochmals ein Bewerbungsgespräch. Seine letzte Chance, bei einem riesen Verlag. Aber ich wusste auch, dass so gut wie niemand genommen wurde. Vielleicht einer von 300 reinkommenden Bewerbungen. Vielleicht waren es auch mehr Bewerbungen. Die Stelle war so begehrt, es schien fast an Fanatismus, wie man die Stelle anpries.
Aber er hatte es geschafft eingeladen zu werden. Jetzt musste er nur noch hingehen und zeigen, dass er der Beste war.

Es war sogar ein offenes Geheimnis, wie die Vorstellung ablaufen würde. Der Chef des Verlages würde, nach zehn minütiger Verspätung, genervt den Raum betreten, ihm einen viel zu langen Text vor die Nase knallen und ihm anordnen, diesen innerhalb von zehn Minuten, was viel zu wenig Zeit war, für die Länge des Textes, zu übersetzen. Pünktlich nach diesen zehn Minuten würde er ihm die Blätter unter der Nase wegreisen, egal wo man grade stand und ihn dann alleine lassen. Danach kam kurz und knapp die Entscheidung. Bei all seinen Mitstudierenden, die es geschafft hatten, so weit zu kommen, war diese bisher negativ ausgefallen.

Kurz schaute er mich an, sein Blick war leer, verzweifelt. Er glaubte nicht an sich, dass konnte ich in seinen Augen lesen.
„Das schaffe ich doch nie. Alle sind durchgehagelt. Keiner wurde genommen. Da muss ich doch gar nicht erst hin.“

Mit diesen Worten packte ich ihn erst Recht an den Schultern. Jetzt schüttelte ich ihn wirklich leicht, bis ich merkte, was ich tat. Ich hatte immer noch Angst ihn zu zerbrechen. Sattdessen schaute ich ihm fest in die Augen.
„Hör mir mal genau zu. Soll ich dir sagen, warum noch keiner die Stelle bekommen hat? Weil sie Dir gehört. Außerdem waren alle zu dumm, diesen Kerl zu durchschauen.“

Jetzt schaute er mich mehr verwundert als verzweifelt an. Wahrscheinlich hatte ich ihn irritiert, dabei fragte ich mich, warum noch keiner hinter die Taktik von diesem, augenmerklich, herablassenden Chef gekommen war. Mir war manchmal echt unverständlich, warum alle diese Stelle haben wollten, wenn der Chef doch so ein Arsch zu sein schien.

„Es ist doch eigentlich ganz einfach. Er will euch testen. Er will wissen, wie widerstandsfähig ihr seid. Es geht nicht darum, den kompletten Text zu übersetzten, es geht darum einen kühlen Kopf zu bewahren und ihm kontra zu geben.“

Jetzt schaute er mich noch verwirrter an. Er war wirklich süß, wie er so dreinschaute. Wie ein verlorenes Hündchen.
„Wie meinst du das?“ Er flüsterte fast. Seine Augen stachen direkt in meine.

„Ganz einfach. Er weiß doch, dass man den kompletten Text nicht so schnell fertig kriegt. Aber in der Branche wirst du immer unter Zeitdruck arbeiten müssen. Also stellt er euch genau vor diese Situation. Also zeig, dass du damit umgehen kannst.“

Er verstand es immer noch nicht. Aber ich hatte alle Zeit der Welt es ihm zu erklären und genau das tat ich auch. Bis in die Nacht saß ich da und erklärte ihm ruhig und gelassen, zumindest soweit ich mich beherrschen konnte, was er tun musste. Ich schaffte es wirklich, ihn zu bewegen das Bewerbungsgespräch anzunehmen.

****

Drei Tage später saß er wirklich da und wartete. Er wartete, dass er die Blätter auf den Tisch geknallt bekommen würde, um gesagt zu bekommen, dass er zehn Minuten Zeit hatte. Sein Blick wanderte zu Uhr. Noch eine Minute, noch 50 Sekunden, 40, 30, 20, er hörte Schritte, schnell, wütend schlugen sie auf den Boden auf, noch 10, er hörte sie immer näher kommen, auf einmal waren sie weg, verstummt, 9, 8, 7, die Klinke wurde auf einmal mit einem gewaltigen Schlag runter gedrückt, 6, 5, 4, sie wurde aufgerissen, mit einem Schwung an die Wand geknallt, 3, er trat ein, 2, er stand neben ihm, sah ihn an, musterte ihn mit abschätzigem Blick, „nur nicht zucken, keine Angst zeigen“ schoss ihm durch den Kopf, 1, die Blätter wurden auf den Tisch geknallt, 0.

„Sie haben zehn Minuten Zeit, diesen Text zu übersetzten. Sie brauchen gar nicht ankommen, wenn sie nicht alles fertig haben, ich verschwende meine Zeit nicht an halben Sachen, Herr Steinbacher.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und verschwand aus dem Zimmer. Wieder knallte die Türe, als sie ins Schloss fiel, dann herrschte Stille.

Erst jetzt sackte er in sich zusammen. Er hatte es überstanden. Zumindest für die nächsten zehn Minuten. Kurz holte er Luft, dann wagte er den Blick auf den Text. Er stöhnte. Er war lang, aber das war ja zu vermuten gewesen. Aber er war dazu auch noch anspruchsvoll. Man musste wissen, um was es ging, musste sich einlesen, musste sich entscheiden, ob man Eigennamen übersetzte oder stehen ließ. Man musste Sprache lieben, um das zu bewerkstelligen. Sie hatte Recht gehabt. Es ging nicht um das bloße Übersetzen, es ging um Konzentration, Würde und Stärke. Er würde dagegenhalten.

Schnell überflog der den kompletten Text. Er brauchte nicht mehr lange für so etwas. Es war eine natürliche Gabe von ihm, dass wichtigste zu erfassen. Danach schaute er sich die schwierigen Stellen genauer an. Dann erst fing er an.

Er schrieb, strich durch, schrieb erneut. Immer und immer wieder, lies sich den Klang der Wörter durch den Kopf gehen, fragte sich, ob es so passte oder nicht. Manche Stellen las er sich sogar selbst laut vor, um zu hören, wie die Aneinanderreihung der Wörter im Raum nachhallte.
Sprache war ein natürlicher Weg, die Stille zu füllen. Aber er wollte es zur Kunst hinaufheben und alles einen melodiösen Klang mitgeben. Er wollte die Stille nicht nur füllen, er wollte sie ausmalen, ausschmücken, verewigen, bannen mit Stift und Papier.

Viel zu schnell gingen die zehn Minuten um und als er, kurz vor dem Ende der Zeit, den Stift zur Seite legte, kam ihm das Blatt viel zu leer vor. Aber er hatte ihre Worte im Hinterkopf. „Leg den Stift schon vorher weg. Gib ihm nicht die Genugtuung, dir das Blatt unter den Finger wegzureißen, gib es ihm in die Hand auch wenn du nicht fertig bist. Es ist egal, du sollst ja gar nicht fertig sein, du sollst nur so aussehen, als ob du es wärst. Haltung bewahren, darauf kommt es an.“

Wieder tickte der Zeiger der Uhr, wieder wiederholten sich die Schritte, das Runterdrücken der Klinke, das Knallen der Tür. Aber er erwartete es. Mit wachen Augen stand er da, wie eine Mauer und er konnte förmlich die Augen seines Gegenübers vor Überraschung blitzen sehen, als ihm die Blätter abgenommen wurden. Dann war er wieder allein.

Auf einmal verließ ihn all sein Mut. Wie hatte er nur so selbstüberzeugt, so unbedacht handeln können. Sicher war damit die Chance auf diese Stelle für immer verloren. All seine Kraft war auf einmal weg. Er wusste nicht wieso, aber irgendwo in seinen Knochen fühlte er, dass er verloren hatte.

Langsam und träge schlichen sich nun die Sekunden hin. Ihm wurde immer erzählt, dass man schnell seine Absage bekam. Keine fünf Minuten Wartezeit musste man in Kauf nehmen, bevor man zu Boden geschmettert wurde. Aber er saß da und die Zeit wollte nicht vergehen. Es kam ihm unendlich vor und als er seinen Blick von den Zeigern löste, die tickten und tickten, um sich ein klares Bild von der Distanz der Minuten machen zu können, stellte er verwundert fest, dass schon fast 20 Minuten vergangen waren.

Auf einmal begann etwas in ihm zu glimmen. Etwas, sehr leise zwar, aber es war da, flüsterte ihm zu, dass es doch wohl ungewöhnlich war, was hier passierte. Ein kleiner Funke war entfacht, der Hoffnung in ihm schürte.

So sehr in seiner Emotionswelt eingeschlossen, merkte er gar nicht, dass die Türe sich wieder öffnete. Leise diesmal, ohne Knall, ohne schwere Schritte.
Dann ließ der Eingetretene sich in einem der Ledersessel nieder, lies die Blätter wieder auf den Tisch gleiten, schaute ihn an. Lange schaute er ihn an, keiner sagte ein Wort. Dann hörte er ihn sprechen.

„Du bist gut!“

Völlig unverhofft trafen ihn diese Worte. Hätte er jemals damit gerechnet, aus diese Mund lobende Worte zu hören? Das war ein Kompliment, das ihn ganz vergessen ließ, dass es hier um eine Stelle ging. Er hätte sich sogar mit diesen drei Worten zufrieden gegeben, wäre damit glücklich gewesen. Aber es kam noch mehr.

„Du bist der Erste von 50 Leuten, die es hier auf den Stuhl geschafft haben, der nicht versucht hat den kompletten Text innerhalb dieser kurzen zehn Minuten ganz zu übersetzten. Stattdessen hast du den Text Verstanden. Du hast ihm Herzblut gegeben, eine Seele. Das sind zwar nur ein paar Zeilen, die hier stehen, aber es reicht um zu wissen, dass du nicht nur mit Wörtern um dich schmeißt, sondern damit Bilder schaffen willst und Emotionen hervor zu rufen schaffst.“

Stumm starrte er den Sprechenden an. Er konnte nicht glauben was er da hörte. Sie hatte recht gehabt. Sie hatte recht gehabt und nun saß er hier und durfte sich dieses Lob anhören. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Zweimal klappte sein Mund auf und zu, bevor er sprechen konnte, bevor er wieder wusste, was Sprache war.

„Danke.“

Er musste wohl sehr eingeschüchtert ausgesehen haben, denn sein Gegenüber fing auf einmal an zu lachen. Er lachte, es dröhnte richtig und so langsam fragte er sich, warum ihn alle immer für griesgrämig hielten, denn das war er anscheinend überhaupt nicht. Es dauerte eine kurze Weile bevor er aufhörte zu lachen.

„Was machst du jetzt, wenn du nach Hause kommst, als frisch gebackener Übersetzer?“

Die Worte pfiffen durch seinen Kopf wie Wind. Es dauerte, bis er dazu in der Lage war zu antworten. Es sprach einfach das aus, was ihm in den Sinn kam. Zu mehr fühlte er sich einfach nicht im Stande.

„Meiner Freundin danken, die mich zu all dem hier gebracht hat. Sie hat mir Ratschläge gegeben.“

Nun wurde er wieder gemustert, allerdings machte es ihm nun weniger aus, denn der Blick, der auf ihm ruhte war nicht forsch, sondern interessiert.

„Dann sag ihr mal schöne Grüße von mir, dass ich mich auch bedanke, dass sie dich hierher gebracht hat. Es ist immer gut, jemanden zu haben, der einem mit Rat und Tat zur Seite steht. Vor allem, wenn man solche Ratschläge auch annehmen kann.“

Darauf wusste er nichts zu erwidern. Es wollte sich keine Antwort in seinem Kopf formen. Doch bevor er irgendeine Floskel bilden konnte, wurde er schon wieder angegrinst.

„Ich hoffe doch, es ist deine feste Freundin.“

Beißend schnell schoss ihm die Röte in die Wangen. Sein Kopf glühte in Sekundenschnelle auf. Er war sich sicher, dass er röter als jede Tomate war.

„Nein, nein ist sie nicht.“ Er flüsterte. „Noch nicht.“

„Na dann hoffe ich, dass du das schnell änderst. Immerhin hat sie dir diesen Job beschert.“

Lachend stand er auf, gab ihm die Hand und entließ ihn. Er bildete sich sogar noch ein, dass man ihm ein „Bis nächste Woche“ hinterher rief.

Erst als er auf der Straße stand und der kühle Wind durch seine Haare wehte, wurde ihm klar, was das bedeutete. Er hatte die Stelle. Er hatte es geschafft. Er hatte die Chance genutzt. Er war offiziell Übersetzter im begehrtesten Verlag.

Beschwingt grinsend lief er den nassen Asphalt entlang. Durch seinen Kopf schoss das Gespräch mit seinem zukünftigen Chef. Bei den Worten „Na dann hoffe ich, dass du das schnell änderst“ verharrten seine Gedanken kurz. Dann grinste er. Er schien fast von innen heraus zu leuchten.

Wie könnte er sich auch der ersten Anordnung seines Arbeitgebers wiedersetzten?

Wenn ein Pantomime sein Leben darstellen sollte, dann würde dieser gefangen in Ketten sitzen und sich keinen Schritt vor oder zurück wagen. Er würde den Mund zu einem stummen Schrei aufreißen und kein Laut würde über seine Lippen kommen. Er würde an einer unsichtbaren Mauer entlanglaufen und sehen, dass es keinen Durchgang gibt. Dann würde er gegen eben diese Mauer klopfen, trommeln und sich die Hände wund schlagen, nur um zu sehen, dass es kein Durchkommen gibt. Dass die Mauer nicht von Innen zum Einsturz gebracht werden kann. Er würde verzweifeln und an der Mauer gelehnt hinknien, das Gesicht in den Händen vergraben. Schluchzend, ohne dass irgendwer seine Tränen hört oder sieht. Er würde sich immer kleiner und kleiner machen, bis zu dem Versuch ganz zu verschwinden. Das würde so lange gehen, bis der Versuch glückt oder die Mauer eingetreten wird.
Er ist zwar kein Pantomime, aber das Reden aus dem tiefsten Herzen und Innersten seiner Seele hat er trotzdem verlernt.

Sie starre ins Leere. Das Einzige was sie wahrnahm, war das Nichts um sie herum. Es füllte sie ganz aus. Das schwarze Nichts, die kalte Leere. Der Rest verschwamm vor ihren Augen. Sie spürte den Wind nicht, der um sie herum an ihren Kleidern zerrte. Der sie immer weiter nach vorne trieb, Millimeter für Millimeter. Sie sah das aufgeschäumte Meer nicht, dass vor ihr unausweichlich an die Klippen peitschte und nach ihr rief. Sie spürte seinen eiskalten festen Griff um ihr Herz. Aber sie nahm in nicht wahr. Sie wusste, dass er da war. Aber es war ihr egal. Das graue Meer schien passend zu sein. Diese graue Stille verschluckte sie. Sie wusste nicht, ob sie im Meer weniger ertrinken würde, als sie es grade tat. Ihre Tränen wurden vom Wind mitgerissen. Alles wurde von ihr fortgetragen. Nichts, dass sie vor dieser Einsamkeit bewahrt hätte. Nichts was ihr blieb. Kein Lächeln, kein Strahlen, keine Träne. Der Wind trug es hinaus und lies sie alleine zurück. Schutzlos. Allein.
Würde es etwas ausmachen, wenn der Wind sie mitnehmen würde? Würde es etwas ausmachen, wenn sie sich dem Ruf des Meeres hingeben würde? Würde es etwas ausmachen, wenn sie ihren Tränen folgen würde? Sie wusste nicht, wen es kümmern sollte. So wie die Blitze am Himmel für Sekunden nachhallten und dann verschwunden waren, so würde es mit den Erinnerungen an sie sein. Ein kurzes Nachhallen würde alles mit sich nehmen und in den Weiten des grauen Himmels verloren gehen. Was hielt sie noch? Diese paar Schritte, die sie schon gegangen war. Sie wusste, dass ein weiterer genügen würde. Sie stand am Abgrund. Es gab keinen Grund umzudrehen, wenn man ihre Vergangenheit sah. Es gab keinen Grund stehen zu bleiben, wenn man ihre Gegenwart sah. Es gab keinen Grund vorwärts zu gehen, wenn sie nicht gewusst hätte, dass das Meer vor ihr nach ihr rief. Der Wind zerrte an ihr, das Meer rief nach ihr und alles was sie gehalten hätte, war in der grauen Kälte des Nichts untergegangen. Wenn es noch einen Bindfaden gehabt hätte, der sie hielt, so war er von der fehlenden Hoffnung durchtrennt worden. Wenn das Meer die Hand ausstreckt und sie in den bezauberten Saal des Todes führt, wie konnte sie da diese Aufforderung verweigern? Es war so einfach zu fliegen.

… und für eine ganz bestimmte, die vielleicht weiß, dass sie gemeint ist, wenn sie diesen Text liest. Danke an euch!

15. Balinger RockfestivalIch fühl den Beat an meinem ganzen Körper. Der Bass lässt mich bis ins Innerste vibrieren.
Am Rand stehe ich und schaue der tobenden Menge zu, wie sie auf und ab springt. Wie die Jungs ihre Haare fliegen lassen und die Mädels kreischen. Es ist echt unglaublich, hier zu stehen, die Musik zu fühlen und die Jungs auf der Bühne zu sehen. Wenn ich daran denke, wie sich diese Band innerhalb von einem Jahr weiterentwickelt hat. Unglaublich. Damals waren nach fast keine Leute bei den Konzerten dabei und jetzt? Die Halle ist brechend voll und es gibt so gut wie keinen, der stillsteht.
Und ich stehe hier und kann es nicht fassen. Kann es nicht fassen, wie sich dieses Jahr entwickelt hat. Nicht nur, dass die Jungs da oben auf der Bühne so einen Bekanntheitsgrad entwickelt haben. Nein, sondern auch, dass ich weiß, dass ich nach der Show jedem Einzelnen gratulieren kann. Dass ich hingehen kann und mit ihnen reden kann. Dass ich nicht mehr nur ein Fan bin. Dass diese Jungs, die da oben abrocken, irgendwie zu meinen Freunden geworden sind.
Dass dieses Jahr zu einem Jahr voller Überraschungen geworden ist und dass ich jetzt glücklich hier stehen kann, mit dem Wissen, dass es so weiter gehen wird. Es ist echt toll. Das diese Erfahrungen nicht aufhören, daran sind zum Teil auch die Jungs auf der Bühne schuld. Sie haben mir mit ihrer Musik so viel Glauben, Gefühle und Hoffnung ins Herz gelegt. Ich weiß nicht wie oft ich ihre Lieder schon gehört hab. ich kann jedes einzelne Wort mitsingen und ich spüre immer noch die Kraft, die diese Lieder haben.
Die Musik hat mich schon zu so vielem bewegt, das ich weiß, dass ich ohne Musik nicht mehr leben könnte. Sie ist ein Teil von mir geworden. Weil Musik mich mit zu dem Menschen gemacht hat, der ich jetzt bin.

Love and the seeDer Wind zerzauste ihr das Haar und sie genoss es die Brise in ihrem Gesicht zu spüren. Es roch nach Salz und Sand. Es roch nach der Weite des Meeres und nach Freiheit.
Endlich konnte sie die Vergangenheit hinter sich lassen und neu anfangen. Sie wollte nicht an die vergangenen Zeiten denken aber es zogen trotzdem Bilder vor ihrem inneren Auge vorbei. Bilder von Dunkelheit. Bilder von verheulten Augen und schlaflosen Nächten, die sie voller Angst unter ihrer Bettdecke verbracht hatte. Sie konnte die Schreie, Streitereien und das Wimmern immer noch hören. Sie sah ihre Mutter vor sich, die versuchte zu lachen, wenn sie in ihrer Nähe war, aber ihre blauen Flecken konnte sie trotzdem nicht so leicht verstecken.
Aber all das hatte sie jetzt hinter sich gelassen. Sie war am Meer und wollte nur noch genießen. Sie wollte es genießen, dass sie das Meer hören konnte. Dass sie den Sand zwischen ihren Zehen spürte und die Sonne warm auf ihrem Gesicht fühlte. Sie war hier und nur das zählte.
Jemand schlang von hinten seine Arme um sie. Sie drehte sich um und lächelte. All die Schreckensbilder waren wie weggewischt. Der Wind trug sie aufs Meer hinaus und die Wellen spülten ihre Angst und Dunkelheit in die Tiefen des Meeres. Sie hatte jemanden gefunden, der ihr gezeigt hatte, dass es auch anders ging. Sie hatte jemanden gefunden der ihr zeigte was Liebe ist. Er zeigte es ihr immer noch. Grade in diesem Moment, in dem er sie in seinen Armen hielt, zeigte er ihr seine Liebe.
Es gab ein Gefühl, dass sie nicht beschreiben konnte, aber empfand seit sie hier angekommen war. Sie hatte nach Worten gesucht und keine gefunden. Am nächsten kam diesem Gefühl wahrscheinlich das Wort „Dankbarkeit“ aber sie wusste, dass da noch viel mehr war. Zum Beispiel die Freude auf die kommenden Wochen hier am Meer oder die Faszination die diese Situation in ihr auslöste. Das sie abends die Sterne sehen konnte und zusammen mit ihrer großen Liebe den Sonnenuntergang auf sich wirken lassen konnte. Dass sie nicht mehr alleine war. Dass sie nie wieder alleine sein würde. Nie wieder diese Angst haben musste. Sie lehnte sich an ihn an und genoss das Spektakel, das Himmel, Sonne und Wellen hervorzaubern konnte. Für sie war ein Traum in Erfüllung gegangen, der für andere so banal schien. Doch sie wusste es besser. Denn dieses Gefühl würde ihr niemand mehr nehmen können.

P.S.: Danke an Kathrin und Philipp für das tolle Bild. Eine Erinnerung an unseren tollen Urlaub =)

GänseblümchenGestern abend hat es geregnet. Wie ich mich über den Regen gefreut habe. Endlich das kühle Nass spüren. Es war zu lange heiß und trocken. Noch länger hätte der Regen nicht auf sich warten lassen dürfen. Aber nach der ganzen langen Zeit hat der Himmel endlich seine Tränen fallen lassen. Ich war so glücklich. Ich hätte tanzen können. Wenn ich das könnte, dann hätte ich es sicher gemacht. Aber ich hab dafür heute, am nächsten Morgen mein schönstes Strahlen aufgelegt. Immerhin lacht mich auch grade die Sonne an, so als ob sie mir sagen will, dass sie es genauso schön findet wie ich, dass es endlich wieder geregnet hat. Ich glaube sie hatte es auch satt, die ganze Zeit nur zu strahlen und ihre Hitze auf die Erde knallen zu lassen. Wahrscheinlich weiß sie genau, wann ihr Strahlen den Leuten Freude bereitet und wann sie einfach nur noch quälend ist. Aber im Moment ist es toll, denn ihre Strahlen lassen die letzten Tropfen die noch auf mir ruhen in einem wunderbaren Licht erstrahlen. Alles funkelt und glitzert im Glanz der Sonne und des zurückgebliebenen Regens. Es ist wirklich wunderbar mitanzusehen. Ich hoffe ich bin auch ein Geschöpf, dass Anderen eine Freude bereiten kann. Ich weiß nicht ob ich das bin, immerhin bin ich nur so klein und unscheinbar, aber die Sonne lächelt mich grad so schön an, dass ich mir sicher bin, dass auch irgendjemand seine Freude an mir hat. Auch wenn ich nur ein kleines Gänseblümchen bin, dass versteckt in ihrer Wiese lagert. Heute blühe ich ganz besonders, um dem Regen einen Dank zu zollen und um zu zeigen, dass auch das kleinste ganz Groß sein kann und das nach jeder Dürre auch irgendwann wieder der Regen kommt.

Mond am SeeSie schaute den Mond an. Sein Licht strahlte in der schwarzen Nacht wie ein Leuchtfeuer. Eine Hoffnung. Sie wusste nicht, wie sie auf diesen Gedanken kam. Eigentlich wusste sie noch nicht mal genau, was Hoffnung eigentlich war. Hoffnung auf was? Das alles gut werden würde? Diese Hoffnung hatte sie doch eh schon aufgeben. Hatte sie das nicht? Sie wollte diese Hoffnung aufgeben. Weil sie dann nicht immer wieder auf die Nase fallen würde, wenn sie dann doch merkte, dass die Hoffnung halt … ja was genau war? Doch bloß eine Hoffnung. Eine Hoffnung und nichts weiter. Hoffnungen konnten enttäuscht werden. Sie wusste nicht, warum sie sich immer wieder Hoffnungen machte um dann am Schluss doch nur festzustellen, dass die Hoffnung enttäuscht wurde. Aber es gelang ihr nicht, die Hoffnungen abzustellen. Sie war einfach da, die Hoffnung. Wie der Mond, in dieser dunklen Nacht. Sie schaute auf ihre Hände. Sie wusste nicht, was sie damit erreichen konnte. Mit dem was sie machte. Mit dem was sie nicht machte. Was sollte sie noch machen. Sie hatte das Gefühl in Mitten von einem großen Rätsel zu stecken und das passende Puzzelteil, das entscheidend war noch nicht gefunden zu haben. Wer würde ihr bei der Suche helfen? Sie hatte sich schon oft gefragt, ob gehen nicht einfacher wäre. Einfach alles hinter sich lassen. Dem Mond den Rücken zu kehren. Aber das konnte sie nicht. Er hatte eine so faszinierende Ausstrahlung, dass er sie immer wieder in den Bann zog, auch wenn sie es absolut nicht verstehen konnte. Außerdem mochte sie die Dunkelheit nicht. Sie hatte schon einmal versucht, alleine durch die Dunkelheit zu kommen und sie wollte diese Erfahrung nicht ein zweites Mal machen. Außerdem konnte sie es auch einfach nicht. Sie wusste, dass sie dem Mond das Licht nehmen konnte. Sie wusste, dass sie sein Strahlen nehmen konnte und das wollte sie nicht. Das brachte sie nicht übers Herz. Sie würde etwas kaputt machen, das irreparabel war. Sie würde lieber sich selbst kaputt machen, als ihn. Die Nacht wäre ohne den Mond zu dunkel. Sie schüttelte den Kopf. Was sollte sie auch ändern? Was ändern, an einer Situation, die sich nicht ändern ließ. Sie sollte aufhören, sich Gedanken zu machen. Der Mann im Mond würde schon auf sie aufpassen. Es war ein Trost zu wissen, dass der Mond, obwohl er so weit weg war, doch immer sein Licht auf sie schien. Er war da, auch wenn es ihr nicht immer so vorkam. Aber ob sie den Mann im Mond irgendwann mal zeigen könnte, was es hieß in ihre Welt zu scheinen, dass wusste sie nicht. Sie würde die Geschichte irgendwann fertig schreiben. Aber erst, wenn das Leben sich dazu entschloss, ihr das Ende zu erzählen. Man kann halt doch keine Geschichte erzählen, dessen Ende noch unvollendet ist. Es lag nicht an ihr die Zukunft voraus zu sagen. Sie schrieb nur die Geschichte auf. Sie erlebte die Geschichte bloß. Er hatte es ihr ja gesagt. Sie sollte sich nicht so viele Gedanken machen. Er hatte Recht!

Sie wusste nicht, wer das war, wenn sie in den Spiegel schaute. Das was sie in sich fühlte passte einfach nicht zu dem Bild, dass sie sah. Dieses lächelnde Mädchen konnte doch nicht das sein, was ihr verwirrtes Inneres widerspiegelte. Dieses fröhliche Mädchen konnte doch nicht sie sein, die grade nicht mehr wusste was sie denken sollte. Die am Liebsten alles hinwerfen würde. Die am Liebsten noch mal von vorne anfangen würde. Warum passte es einfach nicht? Sie spielte diese Fröhlichkeit nicht, aber sie spielte auch nicht ihre Traurigkeit im Inneren. Aber das passte doch nicht, oder? Man kann doch nicht beides sein. Man kann doch nicht dankbar und gleichzeitig wütend auf jemanden sein. Aber sie war es. Sie war Gott dankbar und gleichzeitig wütend auf ihn. Sie war gleichzeitig froh darüber, dass sie so viele gute Freunde hatte und traurig, dass es nicht klappte, nie klappen würde mit dem Jungen den sie liebte. Sie liebte diesen Jungen so sehr, da war sie sich sicher und doch war sie froh, dass er immer noch ihr Freund sein wollte, auch wenn er sie nicht liebte. Sie war grade alles und nichts. Sie hatte das Gefühl, dass alles, was auf einmal auf sie einströmte zu viel war und ihr Herz, ihre Seele deswegen gar nichts mehr fühlte. Aus dem einfachen Grund, weil alles zusammen einfach zu viel wäre. Deswegen hatte sie auch das Gefühl, dass Mädchen im Spiegel nicht zu kennen. Das konnte doch nicht sie sein. Wie konnte sie das sein? Das fragte sie sich wirklich. Vielleicht konnten ja andere ihr diese Frage beantworten, sie wäre echt dankbar dafür. Sie wusste auch grade einfach nicht, wie sie mit all dem umgehen sollte, womit sie umgehen musste. Sie war nicht der Mensch der oft weinte. Sie konnte das einfach nicht. Vielleicht war sie dafür einfach zu fröhlich, obwohl sie eigentlich grade überhaupt nicht fröhlich war. Sie war auch nicht wirklich traurig. Sie war gar nichts. Sie fühlte nur diesen Stich in ihrem Herzen. Diese Schwere auf ihren Gliedern. Alles war wie unter Wasser. Sie weinte nicht. Aber sie würde gerne. Sie wünschte sich die Tränen herbei, damit sie wenigstens ein Gefühl hatte. Aber grade war es nicht ein Gefühl. Es waren alle und gar keins. Kann alles zusammen Null ergeben? Anscheinend schon.
Wer ist dieses Mädchen im Spiegel? Wer ist dieses Mädchen, die diesen Text hier geschrieben hat? Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht sein. Ich bin es nicht. Ich will es nicht sein. Ich wäre es gerne nicht. Aber wahrscheinlich bin ich es trotzdem.

Ich sah den Mond. Er war wunderschön, aber so weit weg. Warum war er nur so weit weg. Eine Träne rollte mir über die Wangen. Es war so gemein. Warum sollte es nicht gehen? Warum sollte dieses Leben keine Chance haben? Warum hatte es keine bekommen? Ich konnte nicht mehr. Es hätte mein Kind sein können. Ich hätte es geliebt. Ich hätte ihr oder ihm ein wunderschönes Leben bereitet. Ich wäre jede Nacht aufgestanden, wenn es geweint hätte. Ich hätte das schreien akzeptiert, hätte es beruhigt. Ich hätte meinem Kind beim Aufwachsen zugesehen. Der erste Zahn, die ersten Schritte. Ich wäre jeden Morgen mit meinem Baby in den Kindergarten gegangen. Hätte Obstsalate gemacht, die es mitgenommen hätte. Hätte ihm eine riesige Schultüte für den ersten Schultag gebastelt. Wäre mit ihr in den Zoo gegangen, wäre in den Zirkus gegangen. Ich hätte mit einem Lächeln das Gemecker über die blöden Lehrer ertragen. Hätte getröstet, wenn es beim Spielen hingefallen wäre. Ich hätte gesehen wie es anfängt sich mit bestimmten Freunden immer und immer wieder zu treffen. Ich hätte jeden Tag gekocht und mit ihr die Hausaufgaben gemacht. Ich hätte die erste große Liebe mitgemacht. Erlebt wie es zum ersten Mal ausgeht. Zum ersten Mal einen Freund mit nach Hause bringt. Ich hätte heißen Tee gekocht, wenn es vorbei gewesen wäre und hätte die Tränen ertragen. Aber meine eigenen die vertrug ich nun nicht. Warum hatte Gott mir mein Kind genommen, bevor ich es überhaupt kennen gelernt hatte. Warum? Eine Fehlgeburt. Warum hatte man mir das angetan. Niemals ein „Mama“ hören. Kein Lächeln auf dem kleinen Gesicht. Nie würde ich das erleben. „Tut mir Leid, aber sie können keine Kinder mehr bekommen“. Das war so unfair. Ich hatte das nicht verdient. Wo war nun Gott? Er hatte mich im Stich gelassen. Alleine war ich. Was sollte ich nun mit all den Baby-sachen die ich so vorsorglich gekauft hatte. Wegwerfe konnte ich sie. Ich konnte sie nicht ertragen. Ich wollte sie nicht. Ich wollte mein Kind zurück. Auch wenn ich es nicht kannte. Warum hatte Gott mir das gestohlen was mir so wertvoll war? Warum? Es war einfach ungerecht. Es war falsch. Schon wieder weinte ich. Wie oft hatte ich das nun getan, seit diesem schrecklichen Ereignis? Zu oft.
Die Tür ging auf und mein Mann kam rein. Ich wollte ihn nicht sehen. Er sollte verschwinden. Nein er sollte dableiben. Ich fühlte mich schrecklich, weil er alles abbekommen hatte, was er eigentlich nicht verdient hatte. Ich wollte nicht, dass er mich so sah. Aber er kam trotzdem rein, sah meine Tränen. Nahm mich in den Arm. Tröstete mich und ließ mir Zeit. Als meine Tränen vertrocknet waren zeigte er mir ein Bild. Von einem kleinem Mädchen. Sie war dunkelhäutig und ich fing wieder an zu weinen. Warum zeigte er mir dieses Bild. Ich wollte es nicht sehen. Doch er ließ mich weinen bis ich keine Tränen mehr hatte. Dann sprach er. „Ich weiß wie sehr du dir ein Kind gewünscht hast. Ich weiß, dass wir niemals leibliche Kinder haben können, aber ich bin mir sicher, dass wir immer noch Eltern sein können. Dieses Kind, sie heißt Malie, wurde von ihrer Mutter irgendwo in Afrika ausgesetzt. Sie wollte es nicht. Unterernährt wurde es in einem Weisenhaus aufgenommen.“ Ich starrte ihn fassungslos an. Natürlich kannte ich so was. Aber wie konnte eine Mutter nur so grausam sein. Ich konnte es nicht verstehen, nachdem ich selber keine Kinder mehr bekommen konnte. Er sprach weiter. „Wir könnten sie adoptieren und ihr ein besseres Leben bieten. Sie wird zwar nie unser Blut haben, aber sie wird unser Kind sein. Du kannst sie genauso lieben und ihr helfen. Ich bin mir sicher, dass ein „Mama“ aus ihrem Mund genauso schön klingen würde, wie aus dem Mund unseres leiblichen Kindes.“ Ich nickte bloß. Ich sah dieses Mädchen und wusste, dass sie mein Mädchen war. Ich wollte ihr helfen. Ich wollte ihr das geben, was man ihr dort nie geben könnte und was ich zu schenken hatte. Dann flüsterte mein Mann noch, „Ich glaube Gott wollte diesem Mädchen eine Chance geben und uns. Ich bin mir sicher unser Kind sitzt irgendwo oben im Himmel und wird als Engel über uns und unser Mädchen wachen. Gott lässt seine Kinder nicht im Stich. Das tut er nie.“

Sie lächelte immer auch wenn ihr gar nicht zum Lächeln zumute war. Die Schmerzen hatten sie in letzter Zeit aufgefressen. Wie Maden wühlten die Krämpfe in ihrer Brust. Es gab Tage da ging es, da war es leichter, da konnte sie wirklich lächeln. Doch diese Tage wurden immer seltener. Doch sie wollte ihre Familie und Freunde nicht beunruhigen. Sie wollte stark sein, auch wenn sie nicht mehr wusste, ob sie das wirklich war. Früher hatte man ihr nachgesagt sie sei so lebensfroh. Es stimmte auch. Damals hatte sie nur so vor Lebensenergie gesprüht. Sie hatte jede Sportart gemacht die sie sich vorstellen konnte. Volleyball, schwimmen, Fußball und dann war da auch noch das Klavier spielen. All das musste sie aufgeben. Es trieb ihr wieder und wieder Tränen in die Augen. Sie hätte es gerne wieder zurück gehabt, all das was ihr Leben ausgefüllt hatte. Sie wusste ganz genau, dass sie es nie wieder bekommen würde. Das sie nie wieder die Selbe sein würde. Nicht in dieser Welt. Ihrer Umgebung wollte sie zeigen, dass sie kämpfte. Sie wollte auch kämpfen. Sie wollte leben. Doch sie wusste nicht ob sie das noch länger konnte. Leben. War es denn besser so zu leben wie sie es gerade tat? Immer öfter schoss ihr diese Frage durch den Kopf und immer öfter war ihre Antwort die Selbe und es war eigentlich nicht die, die sie hören wollte. Es war nicht die, die sie den anderen sagte. Für sie lautete die Antwort immer öfter, dass dieses Leben kein Leben mehr war. Sie konnte nicht mehr und wollte so auch nicht mehr weiter machen. Warum auch. Sie wusste dass es keine Hoffnung gab. Zumindest gab es die Hoffnung gesund zu werden nicht mehr.
Wieder durchfuhr sie ein heftiger Schmerz. Doch sie schrie nicht. Das hatte sie aufgegeben. Der Krebs hatte sie aufgefressen. Die Krankheit hatte das aus ihr gemacht was sie jetzt war. Eine junge Erwachsene die keine Haare mehr hatte weil die Chemotherapie ihr alles genommen hatte nur nicht den Tumor in ihrem Körper. Er hatte sich weiter ausgebreitet. Inzwischen konnte sie noch nicht mal mehr laufen, geschweige denn Sport treiben. Sie konnte sich ja schon fast nicht mehr unter Schmerzen aufsetzten. Sie, ein Mädchen, das früher so aktiv war und am liebsten durch die Straßen gelaufen ist und gesungen und getanzt hatte. Sie sah keinen Sinn mehr darin so zu leben. Für sie war es einfach kein Leben mehr. Sie konnte so nicht mehr. Es war gar nicht der Schmerz der sie so quälte, sonder die Erkenntnis, dass sie langsam vor sich hinstarb und nichts dagegen machen konnte. Der Krebs hatte ihr ihren Lebensinhalt genommen. Ihren Freunden machte sie vor, dass sie noch daran glaubte gesund zu werden. Doch sie wusste, dass das nicht passieren würde. Es war aussichtslos, das hatte ihr ihre Ärztin erzählt. Ihr hatte sie sich anvertraut. Hatte ihr erzählt wie es ihr ging und das sie so nicht mehr leben wollte. Das Leben war so schön. Sie fand es immer noch schön, das Leben. Doch so ging es nicht mehr weiter. Sie hatte ihrer Ärztin einen Brief diktiert, schreiben konnte sie nicht mehr. Es war ein Abschiedsbrief, denn sie hatte sich entschieden dieses Leben zu beenden und ein neues anzufangen. Wo das wusste sie noch nicht, doch sie war bereit es zu erfahren.

Den letzten Satz den die Angehörigen in diesem Brief lasen war folgender: „ Ich habe mich entschlossen dieses Leben zu beenden. Was danach kommt weis ich noch nicht, aber ich finde es heraus.“

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