Die Liebe einer Mutter

Ich sah den Mond. Er war wunderschön, aber so weit weg. Warum war er nur so weit weg. Eine Träne rollte mir über die Wangen. Es war so gemein. Warum sollte es nicht gehen? Warum sollte dieses Leben keine Chance haben? Warum hatte es keine bekommen? Ich konnte nicht mehr. Es hätte mein Kind sein können. Ich hätte es geliebt. Ich hätte ihr oder ihm ein wunderschönes Leben bereitet. Ich wäre jede Nacht aufgestanden, wenn es geweint hätte. Ich hätte das schreien akzeptiert, hätte es beruhigt. Ich hätte meinem Kind beim Aufwachsen zugesehen. Der erste Zahn, die ersten Schritte. Ich wäre jeden Morgen mit meinem Baby in den Kindergarten gegangen. Hätte Obstsalate gemacht, die es mitgenommen hätte. Hätte ihm eine riesige Schultüte für den ersten Schultag gebastelt. Wäre mit ihr in den Zoo gegangen, wäre in den Zirkus gegangen. Ich hätte mit einem Lächeln das Gemecker über die blöden Lehrer ertragen. Hätte getröstet, wenn es beim Spielen hingefallen wäre. Ich hätte gesehen wie es anfängt sich mit bestimmten Freunden immer und immer wieder zu treffen. Ich hätte jeden Tag gekocht und mit ihr die Hausaufgaben gemacht. Ich hätte die erste große Liebe mitgemacht. Erlebt wie es zum ersten Mal ausgeht. Zum ersten Mal einen Freund mit nach Hause bringt. Ich hätte heißen Tee gekocht, wenn es vorbei gewesen wäre und hätte die Tränen ertragen. Aber meine eigenen die vertrug ich nun nicht. Warum hatte Gott mir mein Kind genommen, bevor ich es überhaupt kennen gelernt hatte. Warum? Eine Fehlgeburt. Warum hatte man mir das angetan. Niemals ein „Mama“ hören. Kein Lächeln auf dem kleinen Gesicht. Nie würde ich das erleben. „Tut mir Leid, aber sie können keine Kinder mehr bekommen“. Das war so unfair. Ich hatte das nicht verdient. Wo war nun Gott? Er hatte mich im Stich gelassen. Alleine war ich. Was sollte ich nun mit all den Baby-sachen die ich so vorsorglich gekauft hatte. Wegwerfe konnte ich sie. Ich konnte sie nicht ertragen. Ich wollte sie nicht. Ich wollte mein Kind zurück. Auch wenn ich es nicht kannte. Warum hatte Gott mir das gestohlen was mir so wertvoll war? Warum? Es war einfach ungerecht. Es war falsch. Schon wieder weinte ich. Wie oft hatte ich das nun getan, seit diesem schrecklichen Ereignis? Zu oft.
Die Tür ging auf und mein Mann kam rein. Ich wollte ihn nicht sehen. Er sollte verschwinden. Nein er sollte dableiben. Ich fühlte mich schrecklich, weil er alles abbekommen hatte, was er eigentlich nicht verdient hatte. Ich wollte nicht, dass er mich so sah. Aber er kam trotzdem rein, sah meine Tränen. Nahm mich in den Arm. Tröstete mich und ließ mir Zeit. Als meine Tränen vertrocknet waren zeigte er mir ein Bild. Von einem kleinem Mädchen. Sie war dunkelhäutig und ich fing wieder an zu weinen. Warum zeigte er mir dieses Bild. Ich wollte es nicht sehen. Doch er ließ mich weinen bis ich keine Tränen mehr hatte. Dann sprach er. „Ich weiß wie sehr du dir ein Kind gewünscht hast. Ich weiß, dass wir niemals leibliche Kinder haben können, aber ich bin mir sicher, dass wir immer noch Eltern sein können. Dieses Kind, sie heißt Malie, wurde von ihrer Mutter irgendwo in Afrika ausgesetzt. Sie wollte es nicht. Unterernährt wurde es in einem Weisenhaus aufgenommen.“ Ich starrte ihn fassungslos an. Natürlich kannte ich so was. Aber wie konnte eine Mutter nur so grausam sein. Ich konnte es nicht verstehen, nachdem ich selber keine Kinder mehr bekommen konnte. Er sprach weiter. „Wir könnten sie adoptieren und ihr ein besseres Leben bieten. Sie wird zwar nie unser Blut haben, aber sie wird unser Kind sein. Du kannst sie genauso lieben und ihr helfen. Ich bin mir sicher, dass ein „Mama“ aus ihrem Mund genauso schön klingen würde, wie aus dem Mund unseres leiblichen Kindes.“ Ich nickte bloß. Ich sah dieses Mädchen und wusste, dass sie mein Mädchen war. Ich wollte ihr helfen. Ich wollte ihr das geben, was man ihr dort nie geben könnte und was ich zu schenken hatte. Dann flüsterte mein Mann noch, „Ich glaube Gott wollte diesem Mädchen eine Chance geben und uns. Ich bin mir sicher unser Kind sitzt irgendwo oben im Himmel und wird als Engel über uns und unser Mädchen wachen. Gott lässt seine Kinder nicht im Stich. Das tut er nie.“