Das Ende

Sie war dem Ende ganz nahe. Sie sah es, fühlte es zwischen ihren Fingern und doch, es wollte sich ihr einfach nicht auftun. Es wollte ihr immer noch keinen Hinweis darauf geben, wie es ausgehen würde.
Sie hatte keine Angst, auch wenn sie eine genaue Vorstellung von dem, was kommen würde, hatte, von dem Ende, dass sie in ihren Händen hielt. Trotzdem beschlich sie dieses nervös, kribbelnde Gefühl, so dass ihre Finger zuckten und ihr Körper in vollkommene Anspannung verfiel.
Sie wollte weiter und weiter und doch hätte sie fast aufgehört, Schluss gemacht und einfach alles beiseitegelegt. Sich etwas anderem zugewandt. Aber sie konnte nicht. Es ging einfach nicht. Sie konnte nicht alles beiseitelege, die ganze Anspannung und das nervöse Kribbeln einfach ignorieren.
Dabei sagte ihr eine leise Stimme, die in ihrem Kopf rumspukte, dass es besser wäre, dass es doch da noch so viel anderes gab, was dringender war, viel wichtiger. Doch was konnte wichtiger sein, als das Ende hier, von dem sie nur noch so wenige Zentimeter entfernt war?
All die Anspannung, das nahe Erwarten, ihre Neugierde, all das übertönte mit Leichtigkeit ihr Gewissen. Sie hatte auch wann anders noch Zeit für anderes.
Außerdem, brachte man ihnen nicht immer bei, dass zu Ende zu bringen, was man angefangen hatte? Wie könnte sie also, als wohlerzogenes Mädchen, einfach aufhören und etwas anderes machen? Nein sie würde hier bleiben und das Ende mit offenen Armen empfangen. Sie brannte schon richtig drauf.
Es raschelte leise und ihre Augen flitzten immer schneller hin und her. Auf einmal sog sie erschrocken die Luft ein. Das konnte nicht sein, alles war so anders, so gar nicht dem entsprechend, was sich schon tausende Male in Ihrem Kopf abgespielt hatte und auch wenn sich das Bild in ihren Gedanken immer wieder verändert hatte, so war es doch immer in seinen Grundzügen gleich geblieben. Das hier passte nicht. Es passte so gar nicht zu dem Bild in ihrem Kopf. Das konnte nicht wahr sein. Das war falsch, einfach falsch.
Wie in Trance verfolgten ihre Augen die Spur zum Ziel. Immer schneller und schneller wurde sie. Umso mehr alles in die falsche Bahn ging und von dem abwich, was sie so klar vor sich gesehen hatte, umso schneller wurde sie. Aber es brachte nichts, es half einfach rein gar nichts. Es blieb falsch, es war so anders.
Zeit spielte auf einmal keine Rolle mehr, sie hätte nicht sagen können, wie viel Zeit vergangen war, sie hätte nicht sagen können ob Stunden oder Sekunden. Es verschwamm alles, nur das Ziel, das Ende war wichtig.
Doch dann, auf leisen Pfoten, doch sanft, schlich sich ein Lächeln auf Ihr Gesicht. Immer mehr verwandelte es sich zu einem Grinsen, je weiter sie voranschritt, umso breiter wurde es. Sie hatte gar nicht richtig mitbekommen, wie sich wieder alles gewandelt hatte, doch auf einmal war es wieder in Ordnung, ihr Bild wieder eine Kopie des Wahren.
Am Ende hatte es doch gepasst und sie hatte es geschafft. Sie war angekommen. Sie war am Ziel, am Ende. Es war anders und doch gleich, wie das was sie immer wie ein Videoband in ihrem Kopf gesehen hatte. Es war besser.
Noch lange ließ sie all die Eindrücke nachhallen, dann schlug sie mit einem lauten Knall das Buch zu und stellte es zurück in ihr Regal. Langsam strich sie mit den Fingern über die Bücherrücken. Dann verweilte sie auf einem neuen Buch. Aber das würde sie sich für morgen aufheben.